LOVE CAN DO IT

16. Göttliche Vollmacht (4.5.2020)


Sonntagabend: Nach 20.30 Uhr

Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmt hin den Heiligen Geist! Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.

Johannes 20,22–23  Hoffnung für alle

 


 

«Jetzt ernst, Jesus? Wir sollen die Macht haben, Menschen ihre Sünden zu erlassen oder eben auch nicht? Bist du sicher, dass dies eine gute Idee ist, uns Menschen mit göttlicher Vollmacht auszustatten? Ist das nicht etwas zu viel Verantwortung? Ich meine, du hast ja selbst erfahren, wie unzuverlässig und unloyal, deine Jüngermannschaft war.»
Das in etwa sind meine ersten Gedanken, wenn ich diese Textstelle lese. Sündenvergebung ist allein Gott vorbehalten, das war ja schon die Meinung der Pharisäer, die fassungslos reagierten, als Jesus einem gelähmten Mann seine Sünden vergeben hat. Gott allein kann die Sünden eines Menschen vergeben, alles andere ist eine anmassende Gotteslästerung. Dass Jesus dies für sich so selbstverständlich in Anspruch nahm, geht ja in Ordnung, zumindest wenn man ihm die Gottessohnschaft zugesteht; bleibt ja sozusagen in der Familie. Aber wir? Ist das nicht angesichts unserer Erfahrungen mit uns selbst im besten Fall die vollständige Überforderung und im schlimmsten Fall ein unseliger Freipass für ungebremste Willkür? Nein; Jesus weiss was er tut, bzw. uns zutraut. Entscheidend ist, dass er die Jünger anbläst. Das erinnert an die Schöpfung ganz am Anfang der Geschichte Gottes mit uns Menschen: In Genesis 2,7 blässt Gott den Lebensatem in die Nase des Menschen, den er aus Staub und Erde geformt hatte. Dieser Atem Gottes in uns, ermöglicht das Bewusstsein für die Verbindung zwischen uns und unserem Schöpfer und begründet sowohl unsere Würde als auch die Verantwortung für seine Schöpfung. Dass diese Verbindung tief gestört, wenn nicht zerstört ist, davon zeugt das Elend der Menschheitsgeschichte. Wenn der auferstandene Jesus, der durch seinen Tod alles Trennende zwischen Gott und Mensch beseitigt hat, die Jünger wiederum anbläst, dann bedeutet dies: Der Atem Gottes – der Heilige Geist – versetzt uns wieder in den Stand und Zustand, der uns in der Schöpfung zugedacht war. Wir sind Kinder Gottes und als Mitglieder der Familie Gottes sind wir erneut in Würde und Verantwortung eingesetzt, die wir im Leben und Reden Jesu erkennen. Und dazu gehört vor allem anderen die Vergebung der Sünden unserer Mitmenschen. Dass Jesus die Möglichkeit erwähnt, nicht zu vergeben, unterstreicht dabei die Macht und Verantwortung, die mit dem neuen Zustand des «geistbegabten» Menschen verbunden ist. In unserem Alltag als Mitglieder der Gottesfamilie haben wir uns einzig und allein an Jesus zu orientieren: Er forderte die grenzenlose Vergebung – sieben Mal siebzig Mal – und praktizierte diese ausnahmslos. Wenn wir unseren Mitmenschen ihre Vergehen vergeben, selbst wenn sie es nicht verdient haben und wir ihnen die Vergebung vorenthalten könnten, es aber nicht tun (was so ziemlich genau den Begriff der Gnade trifft), dann spiegelt sich gerade in dieser Haltung unsere neugewonnene Gottebenbildlichkeit.

 


Markus Giger (52)
ich bin stolzer Vater von zwei erwachsenen Kindern, tendenziell visionär überhitzend; daher umso glücklicher über Sibylle, die mich immer wieder verständnisvoll begleitet hinterfragt. Gemeinsam entdecken wir Europa, wo sich Kultur, Kulinarik und Natur begegnen.
Seit den Anfängen baue ich leidenschaftlich an der Streetchurch mit.

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